Bei Frau Sisyphus

Es gibt einfach Tage, da könnte man direkt meinen, ich käme aus der griechischen Mythologie. Nicht, dass ich einer Göttin anklang, nein. Ich bin dann Sisyphus.

Da steh ich morgens schon in der Dusche auf vollkommen verdorrte Knetkrümel. Ein Relikt von der gestrigen Knetherstellung (jawohl! handmade!) gewiss ¾ kann ich direkt entsorgen. Diese Geschichte hätten wir uns echt schenken können, denk ich dann jeweils und werde doch selten schlauer daraus.

An diesen Tagen kann ich für die drei ruhigen Duschminuten hinterher ½ Stunde aufwischen und aufräumen. Die Ruhe ist an solchen Tagen niemals gut, sie ist geradezu trügerisch.

Trete ich aus dem Bad, fällt mein Blick direkt auf die Wand. Es ist die eine Wand, die der Maler letzte Woche in einem "schöner-wohnen-grau" gestrichen hat. Sie ist nun rot getupft.

Schier gestürzt, aber grad noch gefangen, gleitet mein Augenspiel zum Parkett. Die Bastelmaterialien, die ich neuerdings in diesen kleinen Gewürzgestellen auf Kinderhöhe verwahre, ihr wisst schon. Aus dem pädagogischen Gedanken heraus geboren, sie könnten sich dann jeweils selbst bedienen, wenn sie gerade an einem Kinderkunstwerk arbeiten. Sie liegen alle auf dem Boden. Filzer ohne Deckel, Glitzer ohne Gefäss drumrum und so viele Filzbällchen auf dem Boden, dass es mich beinahe an ein Bällebad für Mäuse erinnert. Tja, selber Schuld, Mama Sisyphus, dein pädagogisches Konzept scheint zu funktionieren: die Mädels HABEN sich nun einfach selbst bedient und ihr Kunstwerk heisst „rote Tupfen auf grauem Grund“.

Immer noch füdliblutt überlege ich kurz und beinahe fieberhaft, wie ich am schleunigsten Schadenminimierung betreiben kann. Die Zwerge scheinen sich in den Garten geschlichen zu haben, von dort höre ich ihr Gespiele und draussen können sie ja auch echt nicht viel anstellen.

Ich ordne also in Windeseile alle Bastelutensilien wieder ein und wische kurz über den Fussboden.

Fünf Minuten später bin ich angezogen und trete hinaus in den Garten.

Die frisch gewaschene Wäsche, die ich heute früh noch vor dem ersten Kaffee in den Morgenwind gehängt habe, liegt kreuz und quer verstreut im Garten. Die Hälfte davon muss ich direkt nochmals waschen.

Als ich mich wieder eingekriegt habe, backen wir Kuchen für den Spielbesuch am Nachmittag. Die Kinder hantieren, wägen ab, rühren um. Danach schauts hier aus, als wäre ein mittelgrosser Zug einmal quer durch die Küche gerast. Nachdem ich alles aufgeräumt und wieder einigermassen sauber gewischt habe, ist der Kuchen im Ofen und ich bereits ziemlich ausgepumpt.

Die Kuchenkrümel, die gerademal zwei Stunden später den gesamten Boden verdecken, lachen mich aus und fragen mich, weshalb ich sie gebacken habe.

An diesen Tagen erledige ich etwas, indes die Zwerge andernorts in derselben Wohnung ein neues Durcheinander fabrizieren.

Manchmal sind aber die Zwerge in der Kita und ich zuhause, passiert selten aber immerhin. Und dann, ja dann lass ich Riccarda kommen, eine Putzfrau. Und zusammen versuchen wir das liegengebliebene Chaos zu beseitigen.

Wir putzen also die osterhasenschokoladeverschmierten Fenster, befreien die Rähmen von jedem Mückenschiss, wischen den Parkett blitzeblank, waschen die gesamte Küche einmal ab, worüber wir direkt zur Erkenntnis gelangen, dass die ja eigentlich weiss wäre und nicht, wie seit Wochen angenommen taupe-farben. Wir saugen alle Spinnweben von der Decke und die grossen Staubflauschen hinter den Kästen und Regalen hervor. Wir putzen die Bäder, entkalken, entsorgen, entwirren. Am Schluss des Tages bin ich nudelfertig und 200 Stutz ärmer.

Dafür ist es wieder schön. Für genau 10 Minuten.

Weil dann marschieren hier die Kinder auf. Während ich das Nachtessen koche, füllen sie Sand in die Fensterrähmen. Und sie putzen die Balkontüre mit ihrem Seifenblasenwasser. Draussen buddeln sie das kleine Apfelbäumchen aus und üben direkt nach dieser Mission mit ihren erdeverschmierten Kinderfingern den Handstand auf dem Wohnzimmerteppich.

Das Nachtessen ist ein Fall für sich und mit Sicherheit ein ganz eigener Beitrag wert. Dennoch danach ja keine Zeit mit Aufräumen und Aufwischen verlieren und dabei Gefahr laufen, dass sich die Kinder die Ölkreiden schnappen und ihren heute abgeschliffenen Arbeitstisch erneut damit verzieren. Also alles stehen und liegen lassen und ab in die Wanne mit ihnen.

Abends, wenn sie schlafen, sieht es wieder einigermassen verheerend aus hier.

Wenigstens ist es neuer Schmutz. Der ist halb so wild.

Willkommen in der griechischen Mythologie. Bei Frau Sisyphus.

4 Kommentare bei „Bei Frau Sisyphus“

  1. ? kenne ich irgendwie ?

  2. kidsoverthemoon sagt: Antworten

    Geht uns allen vermutlich ab und zu so 🙂 Zum Glück gibt es auch entspanntere Tage!

  3. Jetzt mal nur so ein Gedankenspiel: Wie schlimm sähe es wohl aus, wenn man einfach mal nicht gleich alles wieder verräumt und wegputzt? Ehrlich..wie schlimm könnte es wohl werden? Ich habe die verschmitzte Hoffnung es würde sich auf einem gewissen (wahrscheinlich üblen) Niveau einpendeln; ein Zustand des perfekten Chaos. Wie mein muffiger Pulli, den ich auf einer 3-wöchigen Reise nie gewaschen habe& plötzlich schien mir, er rieche doch eigentlich wieder ganz ok. Hahaaaaa!

    1. kidsoverthemoon sagt: Antworten

      Haha 🙂 Im Grunde verhält sich das dann vermutlich wie beim Haarewaschen. Bzw. Nichtwaschen. Irgendwann, so nach einer Woche, riechen sie auch wirklich gar nicht mehr so streng.
      Und hier daheim schadet es ja durchaus nicht, ein bisschen Glitzer auf dem Boden der Tatsachen zu haben.

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