Ein Abriss zum Nachhaltigen Lernen

Kids over the moon

Per Mausclick um die Welt! Heutzutage können wir unseren Kindern mit wenigen Clicks die ganze Welt zeigen. Die Digitalisierung bedient natürlich super viele Zwecke, für uns Erwachsene ist sie oft ein Segen. In kurzer Zeit ist sehr viel möglich. Sämtliches Wissen steht uns binnen Sekunden zur Verfügung. Wir können uns Orte ansehen, an denen wir zuvor niemals waren, darüber Routen berechnen und Reisen planen. Wir können mit Menschen in Kontakt treten, die sich 10 Flugstunden weiter weg befinden. Ein Segen, wirklich! Aber.

Ich würde schlicht behaupten, die Digitalisierung könne auch zum Fluch werden. Besonders für sehr junge Menschen. Natürlich, Medienerziehung gehört dieser Tage zum Alltag dazu. Kinder interessieren sich für elektronische Geräte und für die Möglichkeiten des Internets natürlich auch. Selbstverständlich soll man insbesondere grössere Kinder bei einem bewussten Medienkonsum begleiten und unterstützen. Aber ein Bildschirm kann nicht ihre Primärerfahrungen ersetzen. An diesem Punkt stossen wir vielleicht auf das Credo „kein Bildschirm unter vier Jahren“ zu welchem Medienexperten durchaus raten. Bildschirme machen träge und verleiten uns dazu, selbst untätig zu sein. Am Bildschirm konsumiert man in aller Regel. Für Kinder im Grunde fatal und hier möchte ich an das Referat einer Kapazität auf dem Gebiet der Gehirnforschung anknüpfen, welches ich im Rahmen eines Bildungstages kürzlich besuchen durfte.

Im weitesten Sinne ging es um die frühkindliche Entwicklung und der elterlichen Förderung ebendieser. Die allerbeste Förderung für Kleinkinder sind schlicht die Alltagsszenarien. Wer für deren Bewältigung in kindlicher Manier den Raum und vor allem die Zeit schafft, ist fördertechnisch gut bedient. Wer hingegen von Schwimmkurs, über Frühyoga bis hin zu Kindergartenchinesisch rennt, betreibt eher Stressung denn Förderung. Aber all das ist hierseits vermutlich nicht neu. Wirklich durchdrungen hat mich aber nachfolgender Ausspruch des Gehirnforschers:

Rettet die Phänomene!

Am Beispiel des Waldes hat der Referent aufgezeigt, wie wichtig das Erlebnis dieser Naturszenerie im Grunde ist. Man kann dem Kind natürlich ein Bild einer Fichte zeigen und dann weiss es, wie eine Fichte aussieht. Besucht man mit ihm hingegen den Wald und zeigt ihm eine richtige Fichte, dann sieht es diese in natura. Es kann sie anfassen, spürt ihre raue Rinde, die Nadeln. Das duftende Harz klebt an seinen Fingern. Es atmet ihren aromatischen Anklang ein, bestenfalls nimmt es ihre beruhigende Wirkung wahr. Vielleicht gibt es abgebrochene Äste auf dem Boden, mit denen man eine Hütte bauen kann oder eine Angelrute. Vielleicht weiss das Kind sogar schon mit einem Sackmesser umzugehen und kann das Gehölz schnitzen. Es kann künstlerisch tätig sein, bauen, kämpfen, erforschen. Die Walderfahrung ist sehr sinnentsprechend und individuell erlebbar. Jedes Kind nimmt sich das heraus, was es für seine nächsten Lernschritte braucht. Und vor allen Dingen: das Kind ist TÄTIG. Mit den Händen aktiv zu sein, trägt wesentlich zum Lernerfolg bei. Montessoris Ausspruch „Hilf mir, es selbst zu TUN“ geniesst nicht umsonst grosse Gültigkeit in der Reformpädagogik.

Kids over the moon

Ausserdem – und dieser Umstand ist unter anderem vom Neurobiologen Gerald Hüther erforscht – floriert Lernen dann ernsthaft, wenn der Stoff unter die Haut geht. Und das Waldszenario, sind wir ehrlich, geht unter die Haut. Wer erinnert sich nicht an einen Kindertag im Wald, an den Duft des Feuers, an den Geschmack des gegrillten Stockbrotes, an die unzähligen Stolperwurzeln, die einem beim Verstecken spielen mit den alten Onkeln zum Verhängnis wurden. Ein unheimlicher Schatz, den uns kein Bildschirm je hätte bieten können.

Mens sana in corpore sano

Darüber hinaus war mir die Bedeutsamkeit von genügend Schlaf in Bezug auf nachhaltiges Lernen in dieser Dringlichkeit nicht bekannt. Aber offenbar werden die neu angelegten Lernstrukturen, auch als Synapsen bekannt, erst im Schlaf wirklich vollendet. Schlafentzug hingegen hemmt das Lernen schwer. Eine ausreichende Nachtruhe ist also ein Muss. Für mich als Mutter eines 12 jährigen, der abends kaum noch ins Bett will, eine wichtige Erkenntnis. Hier müssen klare Regeln her, geregelte Schlafenszeiten und Handyabgabe sind Pflicht. Obwohl ich eigentlich das Kind nicht ins Bett zwingen möchte und viel eher für eine Schulreform wäre, die unter anderem besagen würde, dass Teenies erst um 9 Uhr Unterricht hätten. Es entspräche so wohl viel eher ihrem natürlichen Rhythmus. Dies aber wieder als Thema für sich.

Nachfolgend also nochmals die Zusammenschau der bedeutsamsten Inhalte

  • Rettet die Phänomene: heisst im Grunde nichts anderes, als Dinge für Kinder ganzheitlich erfahrbar zu machen. Ein Bildschirm sieben Tage die Woche ohne alternierendes Szenario gleicht einer katastrophos enormous. Aber ihr Guten: NO PRESSURE! Wer das Kind MAL eine halbe Stunde Pippi Langstrumpf gucken lässt, tut sicher nichts Verkehrtes.

 

  • Der Alltag bietet eine Vielzahl an natürlichen Fördermöglichkeiten. Bilderbücher, Verse, Lieder, Hausarbeit, Garten, spielen, selber tun eben.

 

  • Die Tätigkeit ist das A und das O. Und ich glaub, ein Kind konstruiert per se viel lieber als dass es konsumiert.

 

  • Nachhaltiges Lernen hängt massgeblich von ausreichend Schlaf ab. „Schlaf ist wahrscheinlich die beste Form von Neurodoping überhaupt.“ (Das wunderbare Zitat ist von Hans Rudolf Olpe)

 

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