Ein Sandkasten-Bulletin

Wir haben in Luzern diesen einen, besonderen Spielplatz mitten in der Stadt und in der Nähe vom Bahnhof: Von den Stadtbewohnern liebevoll „Vögeligärtli“ genannt, ist es doch Schauplatz manch witziger Szenarien. Mein Lieblingsspielplatz gegen Langeweile.

Tummeln sich dort doch Kreti & Bleti. Arm & Reich. Schön & noch schöner. Aus jeder Schicht, von jeder Nation, herrlich – und so weit so gut.

Noch amüsanter wird es aber, wenn man die verschiedenen Mama-Typen mal ein bisschen genauer betrachtet. Dazu wirft man am besten das mitgebrachte Sändelizeug der Kinder in den Sandkasten hinein, die Zwerge stürzen sich in der Folge meist freiwillig selbst hinterher.

Nun hat man in aller Regel für einen kurzen bis mittellangen Moment seine Ruhe. Natürlich ist man der Aufsicht verpflichtet. Dieses Amt lässt sich jedoch getrost mit der Betrachtung der anderen anwesenden Muttis paaren. Man stelle sich hierzu eine Sonnenbrille ins Gesicht und nehme irgendwo in der Nähe Platz.

Bühne frei!

  • Die Lesemama: Sie hat einen strengen Alltag. Der Spielplatzbesuch ist für sie die einzige freie Zeit im gesamten Tag. Sie findet, dass ihr Kind ruhig mit seinesgleichen spielen soll, zieht sich getrost zurück und liest in ihrem Buch. Solange das Kind nicht blutend auf sie zu rennt, sieht sie keine Notwendigkeit, sich in irgendeiner Weise einzumischen.

 

  • Die Heli-Mama: Sie ist tatsächlich allzeit zu jeder Bemühung bereit und schreitet heldenhaft ihr gesamtes Einsatzgebiet ab. Ihr Credo: Das Kind darf sich AUF KEINEN FALL weh tun. Sie weiss, dass einzig und allein SIE dafür verantwortlich ist. Jeder Schritt des Sprosses wird liebevoll oder sehr streng – dies passt die Heli-Mama natürlich genauestens der delikaten Situation an – kommentiert. Paul weiss also ganz genau, dass es MEEGAGUT ist, wenn er bei einer Sprosse immer abwechslungsweise ein Bein vors andere stellt, um hochzuklettern.

 

  • Die Rega-Mama: Sie ist im Grunde die grosse Schwester der Heli-Mama. Minutiös linst sie die gesamte Spielplatz-Arena ab. Hört sie irgendwo ein Wimmern, schrillen ihre mütterlichen Sirenen auf Hochtouren, ihre Adleraugen röntgen in Nullkommanichts den gesamten Schauplatz und finden auf der Stelle das verunfallte, allenfalls gar schwerverletzte Kind. Ihre flinken Hände durchsuchen in sekundenschnelle den Rucksack nach dem handgemachten Necessaire, woraus sie Desinfektionsspray, Salbe und Pflaster fischt.

 

  • Die Blévita-Mum: Sie hält von gedörrten Apfelringli, über das Blévita-Böxli und der Dinkelstange bis hin zu der Wasserflasche alles immer griffbereit. Nicht selten fragt sie ihr Kind, ob es nicht vielleicht Hunger oder Durst hätte. Wenn sie der vielen „Neeiiiiiiins“ ihres Kindes überdrüssig ist, wird die Trinkflasche auch gern ungefragt direkt vor den Mund des Kindes gehalten und ebendiesem mit einem sorgfältig eingeübten Blick bedeutet, immerhin einmal daran zu nippen. Sie findet, die Problematik des „plötzlichen Verdurstungstodes auf Spielplätzen“ – was hierzulande ja keine Seltenheit ist – werde total bagatellisiert.

 

  • Die Kleinkaro-Mami: Sie hat jedes Teil ihres gesamten Sändelispielzeugvorrates feinsäuberlich mit dem Namen ihres Kindes beschriftet. Mit einem wasserfesten Textmarker versteht sich. Es kommt nicht selten vor, dass ein anderes Kind ein Schüfeli oder ein Rächeli entwendet. Zu so einem diebischen Verhalten lässt sie es gar nicht erst kommen. Sie lässt schlicht keinen unbemerkten Moment entstehen, indem sie das Plastikgeschirr ihrer Kinder gefühlt jede Viertelstunde einmal komplett einsammelt und es auf einem halben Quadratmeter hortet, diesen beaufsichtigt sie beinahe so gewissenhaft wie die eigenen Kinder.

 

  • Die Asi-Mutti: Sie ist gewissermaßen täglich hier. Sitzt mit ihren Freundinnen auf der Parkbank, raucht Zigaretten und trinkt Red Bull. Sie kennt offenbar sehr viele Erwachsenen-Geschichten, die über Stunden erzählt werden können. Ihre Kinder spielen derweilen tagelang im Team Unbeaufsichtigt.

 

  • Die entspannte, coole Beobachterin: Sie zeichnet die obgenannten Szenenfolgen im Geiste auf, amüsiert sich, geniesst den Nachmittag und schreibt Abends diesen Blog-Beitrag. Wenn ihr Kind auf eine Biene tritt, ist sie allerdings auf die Hilfe der Rega-Mama angewiesen. Hin und wieder vergisst sie sogar das Zvieriböxli und nimmt dankend das Vesperangebot der Blévita-Mum an. Beim Aufräumen packt sie auch gern mal nur die Hälfte der mitgebrachten Schüfeli ein und wird von der Kleinkaro-Mami jeweils freundlich darauf hingewiesen. Und abschliessend bieten ihr die Heli-Mama und die Asi-Mutti schlicht nette Unterhaltung beim nachmittäglichen Spielplatzbesuch.

 

Bild: Sydney Rae via unsplash.

4 Kommentare bei „Ein Sandkasten-Bulletin“

  1. Die guet Mischig machts us!😎

    1. kidsoverthemoon sagt: Antworten

      Ja unbedingt 🙂

  2. Ich bin allermeistens die Heli-Mama (was recht unattraktiv ist) Je nach seelischer Verfassung auch die Rega-Mama und natürlich die Asi-Mama. Ich rede dann meine Storys in mein Telefon rein. Entpannt bin ich also auch ab und zu. Sogar ab und zu in Gleichklang mit meinem Kind.

    Herzlichen Dank für dein Erzählen und weiterhin viel Freude auf dem Spielplatz

    Petra

    1. Ach Petra, du bist einfach die allerbeste 🙂

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