Offene Briefe an Herr Mond

Immer wenn der Sommer einschläft, die Tage kürzer, dunkler und kuchiger werden, überlege ich mir, wie ich heuer die Adventszeit gestalte. Für mich ist es Jahr für Jahr ein Tamtam. Auf mein Credo, dass weniger mehr sei, pfeiffe ich spätestens dann, wenn sich das Jahr seinem Ende hinneigt.

Adventskalender für die Kinder? JA!

Adventskranz? JA! Adventsgärtlein? JA! Safranbrötchen zu Lucia, hoher Nikolausbesuch, Pfefferkuchensuche im Park, Christkindglöckchenglitzerliebe JA JA und nochmals JA. Tausend Plätzchen ausstechen, Glühweinspaziergänge, apfelpunschdampfige Kuschelstunden auf dem kekskrümeligen Sofa, Geschichten den ganzen Tag und HIMMEL! Natürlich Santa Baby & Jingle Bells all day long.

Diese meine etwas hemmungslose Adventsliebe habe ich heuer aber etwas stärker als sonst zu reflektieren versucht. Kann das noch gesund sein? Was sind die Auswirkungen dieses jährlichen Verwöhnprogrammes? Werden sie womöglich einst zu einem magischen Schatz aus Kindheitserinnerungen oder führt sich das ganze Brimborium irgendwann selbst ad absurdum?

Mitten in einer abendlichen Sinnierstunde erfragte ich die Adventsgedanken von Fräulein Winter.

Offene Briefe an Herr Mond

von Fräulein Winter & der Mondmutti

Fräulein Winter: Advent schöpfen wir aus dem Vollen!  Wir legen Murmeln bzw. Sterne, zünden Kerzen an, kehren ein, erleben Stille, erzählen Geschichten, jagen Kläuse, holen sie wieder aus dem Wald, winken Lucia, backen Plätzchen – möglichst täglich und freuen uns ob den Dingen, die da kommen. Ohne Nummer. Einfach so. Plötzlich im Jahreszeitenhüsli oder gezaubert aus Nüssen.
Ich habe meinen Adventskalender schlicht geliebt – damals. Mein Götti hat sich stets grosse Mühen für diese Kunstwerke gemacht. Geschichten zerschnitten und in Zwergencouverts gesteckt, Süssigkeiten liebevoll in Tagesrationen umgepackt und das unglaublich gute Gespür für sinnvolle Kleingeschenke gezeigt. Das erste Jahr ohne war schlicht hart.

Wann ist man denn bitte zu alt für einen Adventskalender?

Ich nie. Ich würde heute noch ausflippen!Und so handhabe ich es mit meinen Girls auch. Tür und Tor stehen offen für Kalender – sinnvolle Kalender. Wir basteln auch wie wild einen für Papi. Ich hab mich fast hingelegt, als A. letztes Jahr bei Nummer 9 oder 10 meinte, dass wir wohl eher wieder eine Zeichnung oder einen Gutschein reinstecken sollten, da sonst etwas viel Zucker aufs Mal für Papi drin ist.  Wir versuchen Alternativen, debattieren über sinnvoll oder eben nicht und verabschieden uns – manchmal sehr schmerzlich – von Dingen für Kinder, die weniger bis gar nichts haben.
Wir leben in einer ungleichmässig verteilten Gesellschaft des Überflusses und die Frage finde ich absolut gerechtfertigt ob da denn auch noch 24 Geschenke sein müssen und ob sich das nicht viel schöner in Zeit – gemeinsamer Zeit – gestalten lässt. Wir unterscheiden hier nicht. Zeit ist ein Geschenk. Zu den Kelten reisen auch. Schoggibonbons ebenfalls. Und jemandem ein Geschenk machen sowieso.
Soweit der Plan. Weihnachten selbst steht aber auch an und ist für mich viel weniger „steuerbar“. Geschenkpapier verbannen, oder aber sinnvoll… Weniger bis nichts an Geschenken, aber so, dass es auch für alle irgendwie natürlich bleibt und man seinem Bedürfnis nach Schenken nachkommen kann. Zwänge und Stress verbannen. Zusammen sein. Ruhe finden.

Was schwebt euch für die heilige Zeit vor?

Mondmutti: Ich LIEBE diese Zeit. Zeit eben. Zeit statt Zeug auch. Aber zu oft bin ich auch verliebt in Dinge. Mir würden schon auch 24 wunderschöne Kleinigkeiten für die Zwergenschar einfallen, an Ideen hapert es längst nirgends mehr. Aber auch 24 wunderschöne Dinge liegen am Schluss ja doch irgendwo rum und machen, dass ich mich nerve und stolpere. Dann also doch lieber Schokolade und wir landen wenigstens weich?
Ich liebe den Dezember. Adventsgärtlein &-spirale, tausend Ideen. Und ich liebe es, meinen Kindern Geschenke zu machen. Dinge und aber vor allem auch viel Zeit. Ich lass mich dieser Süssen wegen ja sogar zu einer Halloweenparty hinreissen. Weil ich eigentlich immer Prokinderfest bin. Profreude. PROKIND!! Also auch proadventskalender?

72 Geschenke – da wird mir dann aber schwindelig.

Ohne Nummer und ohne täglich und ohne Ort gefällt mir gut. Vielleicht ein grosser Korb voller Samstagsgeschenke? Jeder darf sich samstags eins rausnehmen? Und sonst eben vor allem Zeit. Sein. Ruhe. Frieden. Kerzenschein. Eigentlich auch weniger Dinge. Das wünsch ich mir.
Ich überlege nur in letzter Zeit auch oft, in welchen Bereichen sich dieses Übermass an Adventsspendabilität vielleicht positiv und wo negativ auszuwirken vermag. Ob man sich da Jahr für Jahr raufschaukelt? Ich beobachte bei mir selber ähnliches. Ob man die Kinder dann in dieser verqueren Geschenkemüssendochsein-Haltung wieder findet?
In den letzten Tagen vor Weihnachten sehe ich uns in der Höhe. Eingekuschelt in der Bergwohnung. Weg von der Stadt und ihrem Potential, doch noch mal kurz schönere Kerzen und mehr Käse zu holen. Und noch ein Fell. Und noch ein Geschenk für Tante Olivia, die ja doch schon alles hat. Weg vom Stress einfach. Hinein in die Ruhe, in die Wärme des Kaminfeuers, in die kühle sternenklare Bergnacht. Und in den Schnee, wenn ich wünschen könnte.

Schutz vor mir selber sozusagen.

Weil ich es hier vermutlich nicht einfach locker nehmen könnte und dem Stress verfallen würde. Geschenkemässig ist es aber insgesamt sehr im Rahmen in unserer Familie. Das Louloukind kriegt ihr lang ersehntes Velo, in rosa natürlich! Unsere Lieblingsfarbe. Beim Helm same story. Für Emilia überleg ich mir noch immer das Wobbelboard. Bin aber auch noch immer nicht sicher, ob es tatsächlich so ein tausendsassa hundertfach bespielbares Ding ist oder sich eher so unter die „must haves“ eingereiht hat, ohne viel zu taugen.
Ansonsten Kleinstigkeiten und Bücher. Der Bub will Tommy und Boss. Auch das ändert sich (hoffentlich) (bestimmt) (oder?)

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Fräulein Winter: Vielleicht kann man den Kids ein Jahres-Sinnvoll-Geschenke-Aufräum-Abo aus den Knochen leiern. Nein ernsthaft, ich weiss genau was du meinst. Lese aktuell einiges zu Zero-Spielzeug. Faszinierend irgendwie. Weit weg hier. Nur meine Nerven unternehmen gelegentlich eine Gedankenreise.
So oder so, du sagst es, PROKIND. Und die lieben bekanntlich ausgeglichene Mamas. Auf dem Berg oder in Halloween-Kürbis—Kostümen. Naja, zumindest die Kleinen, den pubertierenden Jünglingen kann Mutti es vermutlich mit gar nichts recht machen. Und selbstverständlich ist eh alles. Boss und Tommy. Ich hab sicherheitshalber gegoogelt, dass das nicht eine glatzkopfrasierte und tätowierte Boygroop ist, die „Ops I did it again“ covert. Im Wald entgehen einem die aktuellsten Trends.  aber wie ich sehe, ist es auch da ein bisschen wie damals.

Zurück zur Hüllefülle!

Viele Geschenke machen wir Muttis uns doch selbst. Und mal im ernst – wir sind süchtig nach diesem goldschimmernden Glücksglanz in beschenkten Kinderaugen.
Raufschaukeln: guter Punkt. Kinder verstehen es eigentlich viel besser als wir grossen Lulatsche auf- aber auch abzubauen. Wir ärgern uns oft an dem Fehlverhalten unserer Zwerge, wo wir selbst nicht lupenrein strahlen. Dieses aufschaukeln und dankbar sein. Wie die Kids uns wohl spiegeln, wenn wir eine stimmige Lösung leben?

Auch eure Adventsgedanken interessieren uns. Schreibt gerne einen Kommentar.

Bild: Echo Grid via Unsplash.

 

 

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